29.11.2018 16:59
von Samuel Hug

Interview mit Rabbiner Prof. Dr. Jonathan Magonet

Hebräischkenntnisse können für Christen weitere Dimensionen des Lebens und der Erfahrung eröffnen

Rabbiner Prof. Dr. Jonathan Magonet ist britischer promovierter Theologe. Er war über 20 Jahre Rektor des Leo Baeck College in London. Dies ist das Rabbinerseminar, welches nach der Schliessung der Rabbinerseminare in Deutschland 1938 seit 1956 wieder Rabbiner für Europa ausbildet. Er leistete Pionierarbeit in der literarischen Annäherung an biblische Texte und ist sehr engagiert im jüdisch-christlichen Dialog und im Dialog zwischen Juden und Muslimen. 1968 rief er gemeinsam mit Mit-Studenten eine internationale jüdisch-christliche Bibelwoche ins Leben, die bis heute existiert und ein Ort der Begegnung von Juden und Christen ist. Er war ausserdem Mitbegründer der jüdisch-christlich-muslimischen Studentenkonferenz JCM.

Rabbiner Magonet ist zu Gast an der 45. Hebräischwoche vom 20. – 25. Januar 2019 im Lassalle-Haus, wo er ein Referat zum Thema «Josefs Revenge» halten wird. Er stand für ein schriftliches Interview zur Verfügung.

 

Gegen Ende der 60er Jahre haben Sie eine internationale jüdisch-christliche Bibelwoche gegründet, die bis heute existiert. Warum ist Ihnen dieser Austausch so wichtig?

Der unmittelbare Grund für die Mit-Begründung dieser jüdisch-christlichen Bibelwoche in Deutschland war nicht der jüdisch-christliche Dialog selbst, sondern die viel konkretere Herausforderung einer neuen Beziehung zwischen Juden und Deutschen nach dem Krieg. Eine eigene Reise nach Deutschland führte mich zu christlichen Pastoren, die sich in besonderer Weise der Wichtigkeit einer solchen Begegnung bewusst waren. Dies wiederum brachte uns zu einem katholischen Konferenzzentrum, wo die Direktorin, Anneliese Debray, sich in gleicher Weise für ein solches Projekt engagierte. Zusammen erkannten wir, dass die Hebräische Bibel der gemeinsame Grund war, den wir teilten, so dass sie der Fokus wurde von beidem, dem jüdisch-deutschen und dem jüdisch-christlichen Dialog, der sich dann über die Jahre hin entwickelt hat. Diese beiden Dimensionen blieben, doch die Faszination mit dem hebräischen Text der Bibel selbst lieferte rasch die dritte Säule dieser Begegnung. Für mich persönlich hat dieser dreifache Aspekt unserem gemeinsamen Lernen spirituelle Tiefe, Bedeutung und Dringlichkeit gegeben, weit über die blosse intellektuelle Neugier über einen antiken Text hinaus.

Aus einer jüdischen Perspektive - können Christen die Bibel überhaupt ohne Hebräischkenntnisse verstehen?

Es ist immer verführerisch seine eigene Religion zu verallgemeinern und erst recht die von anderen. Beide, Juden und Christen, wenn sie in ihren Traditionen gebildet sind, werden die Hebräische Bibel durch ihre je eigenen besonderen, aber sehr verschiedenen Brillen sehen. Für Juden inspirieren die vielfältigen Dimensionen, die die Rabbiner jedem einzelnen Wort des Hebräischen Textes beimessen und die kunstvollen Kommentare, die sie schufen, zu einem genauen Lesen des Textes, aber sie legen uns auch die Verantwortung auf, zu versuchen, den Text in Bezug auf den Leser / die Leserin selbst zu verstehen. Für Christen bietet die Perspektive des Neues Testamentes eine andere Sicht, die Spur der Menschheitsgeschichte, die hin zur Gestalt von Jesus führt. Hebräischkenntnisse können für Christen weitere Dimensionen des Lebens und der Erfahrung in dem «älteren» Testament eröffnen, soziale, politische und spirituelle Aspekte, die bis heute aktuell und herausfordernd geblieben sind.

«Bevor wir also einen biblischen Text annehmen oder ablehnen,
sollten wir uns vielleicht fragen, warum er für so wichtig gehalten
wurde, dass er es wert war, erhalten zu werden.»



Inwiefern sind Hebräisch-Kenntnisse hilfreich für das Verständnis der Bibeltexte?

Die allgemeine Struktur der erzählenden und sogar der poetischen Abschnitte der Hebräischen Bibel kann in einer Übersetzung erkannt werden. Und wenn eine Vielzahl von Übersetzungen zur Verfügung steht, dann können einige der offenkundigen Unterschiede auf Probleme im Verständnis des Hebräischen Originals hinweisen. Doch andere Dimensionen des Textes, die zu einer anderen Sprache, Kultur, Gesellschaft und historischen Situation gehören, gehen in Übersetzungen eindeutig verloren. Ohne Hebräisch fehlt der Rhythmus und der Klang der ursprünglichen Sprache – so wichtig vor allem für die Poesie. Wir werden die Verknüpfungen und das Echo von Wörtern oder Ausdrücken verpassen, sowohl innerhalb eines bestimmten Textes als auch Hinweise zu anderen Bibelstellen, scheinbar weit entfernt, die Hinweise auf tiefere Bedeutungsdimensionen liefern. Es kann sein, dass wir die Nuancen, die zum Beispiel auf die Anwesenheit von Humor hindeuten - was in manchen Religionsgemeinschaften als unvorstellbar oder sogar unangemessen angesehen werden kann - in einer Übersetzung gar nicht erkennen. Ausserdem haben gewisse hebräische Schlüsselbegriffe eine Vielzahl von Bedeutungen, die teilweise abhängig vom unmittelbaren Kontext sind, deren Verbindung zu einem anderen Abschnitt verloren geht, wenn sie an den verschiedenen Orten unterschiedlich übersetzt wurden. Kurz gesagt, jede ernsthafte Beschäftigung mit der hebräischen Bibel muss unausweichlich zur Beschäftigung mit der hebräischen Sprache führen, sei es unmittelbar durch eigenes Studium oder mit Hilfe der verschiedenen Wörterbücher oder anderen erhältlichen Hilfsmittel.


Haben Sie als Rabbiner Vorschläge, wie Christen mit der Bibel umgehen sollten?

Eine einfache Antwort ist, um hier die rabbinische Lehre zu zitieren: «Wende sie hin und wende sie her, denn alles ist in ihr enthalten.» Doch ich habe meine eigene Analogie. Stellen Sie sich ein Raumschiff vor, das einen untergegangenen Planeten verlassen hat und die Besatzung sind alle menschlichen Familien auf der Suche nach einem neuen Anfang auf einem anderen Planeten. Die Computer des Schiffes sind gefüllt mit der Geschichte der Erde, Kultur, Kunst und Weisheit, unseren Bestrebungen, Erfolgen und Misserfolgen, - genug Wissen, um uns zu leiten und uns zu warnen, während wir uns auf den Aufbau einer neuen Existenz vorbereiten. Die Bibliothek, die hebräische Bibel, ist so etwas. Bevor wir also einen biblischen Text annehmen oder ablehnen, sollten wir uns vielleicht fragen, warum er für so wichtig gehalten wurde, dass er es wert war, erhalten zu werden. Wie kann er uns auf unserer immer wiederkehrenden Reise ins Unbekannte leiten, wenn wir für unsere unruhige Menschheit einen neuen Anfang suchen?

Aus dem Englischen, Übersetzung von Annette Böckler.

 

 

Januar 2019
20.–25.01.2019

45. Hebräischwoche

Josefsgeschichte Genesis 37-50
2019/R1
Februar 2019
Mai 2019
30.05–02.06.2019

Tagung 100. Geburtstag von Silja Walter

Tanzendes Wort - poetische und spirituelle Inspiration aus dem Kloster
2019/R2
August 2019
13.–16.08.2019
16.–18.08.2019

Bibel spirituell gelesen

Ezechiel und die Herrlichkeit Gottes
Judentum
2019/R7
Oktober 2019
31.10–03.11.2019

Tagung Meister Eckhart

Gott denken und erfahren
2019/R3
November 2019
29.11–01.12.2019

Zurück