14.12.2018 12:12
von Samuel Hug

Spiritualität der Zukunft - Suchbewegungen in einer multireligiösen Welt

Neuerscheinung «Spiritualität der Zukunft», Martin Rötting, Christian Hackbarth-Johnson (Hg.) EOS Verlag, St. Ottilien 2018

Das aus 31 Beiträgen bestehende Buch - die meisten davon Vorträge - entstanden auf der gleichnamigen Tagung im Mai 2018 in München. Das Buch thematisiert die Vielfalt der spirituellen Ansätze und Methoden, die heute in christlichen und auch außerchristlichen Kontexten praktiziert und gelebt werden. Besonders stark wird den interreligiösen Einflüssen in der Spiritualität Rechnung getragen.

So ist ein Kapitel drei christlichen Pionieren einer interreligiösen Spiritualität gewidmet: Pater Lassalle SJ (1898-1990), der für den Dialog mit dem Zen-Buddhismus steht, Henri Le Saux O.S.B./Swami Abhishiktananda, einer der Pioniere des hinduistisch-christlichen Dialogs, und Paolo Dall’Oglio SJ, der eine spirituelle Berufung zum Dialog mit dem Islam lebte. Die ersten beiden Pioniere - dargestellt von Ursula Baatz und Bettina Bäumer - gaben Impulse, die in der christlichen Spiritualität bereits einen starken Niederschlag gefunden haben. Das beste Beispiel dafür ist das Lassalle-Haus mit seinen Zen- und Yogakursen. Mit Paolo Dall’Oglio, den Christian Rutishauser SJ hier erstmals einer deutschsprachigen Leserschaft ausführlich vorstellt, bewegen wir uns in einem weit schwierigeren, politisch hoch aktuellen Umfeld. Dall’Oglio hatte eine klosterähnliche Gemeinschaft in Syrien gegründet hatte und wird seit Sommer 2013 vermisst. Mit ihm sind wir mitten in den quälenden politischen Problemen unserer Zeit; es ist zu hoffen, dass sein Zeugnis einer interreligiösen spirituellen Gastfreundschaft zwischen Christentum und Islam in der Zukunft heilsame Früchte zeitigt.

Der Hauptteil des Buches besteht aus einem bunten Strauß an spirituellen Wegen und Methoden, die von Praktikern in zumeist persönlicher Weise vorgestellt werden. Auf der Tagung geschah dies in Form von Workshops. Die beiden Jesuiten Stefan Bauberger und Bruno Brantschen geben Einblick in ihre spirituellen Wege, ersterer in seinen Zugang zum Zen, und der zweite in seine Praxis der Ignatianischen Exerzitien. Mein eigener Beitrag stellt den achtgliedrigen Yoga in einen, wie ich meine, für beide erhellenden Vergleich mit dem christlichen Gebetsweg. Des Weiteren gibt es Artikel zum Herzensgebet und Enneagramm (A. Ebert), zur Kontemplation (J. Sedivy), zum Pilgern (M. Kaminski), zur Achtsamkeit als säkularer Spiritualität (M. Seitlinger), zu Jahreskreisritualen (L. Johnson), Visionssuche in der Natur (O. Behrendt), Geistiges Heilen (A. Gleditsch), Spirituelles Tanzen (A. Schumm), Jüdische Spiritualität (N. Bauer), Sufismus (T. Mancinelli), Mantragesang (C. Pils) und christlicher Gemeindespiritualität (S. Deininger).

In einem Kapitel zu medialen Zugängen finden sich Aufsätze zum Film und Poetry Slam. Christof Wolf SJ beschreibt Idee und Ausarbeitung seines Films über Pater Lassalle, der daraufhin von der Religionswissenschaftlerin Olra Havenetidis analysiert wird. Der französische Theologe Fabrice Blée plädiert für ein theologisches Ernstnehmen des Mediums Film und schildert seine Erfahrungen beim Drehen und Zeigen seines preisgekrönten Films über Henri Le Saux (Dawn of the Abyss. The Spiritual Birth of Swamiji, 2016). Auf der Tagung wurde von Studierenden ein Poetry Slam unter dem Titel „Soul Slam“ durchgeführt. Der Theologiestudent Felix Triendl beschreibt die spirituelle Dimension dieser Kunstform. Den Siegertext „Aufstand“ von Maria Schmitt haben wir abgedruckt.

Bleiben noch die beiden rahmenden Kapitel, am Anfang zwei analytische Zugängen zum Thema, ein religionssoziologischer Überblick über gegenwärtige Spiritualität von Detlef Pollack (Universität Münster) und eine engagierte Analyse gegenwärtiger Spiritualität mit Ausblick auf wünschenswerte Entwicklungen in der Zukunft von der Augsburger Theologin und Philosophin Katharina Ceming. Zwei kirchliche Praktiker, Jens Colditz und Holger Adler SJ antworten darauf aus evangelischer und katholischer Sicht.

Am Ende fragen wir, ob Spiritualität Institution braucht, mit Beiträgen von Abt Marianus Bieber O.S.B. (Niederalteich), Prof. Andreas de Bruin (München) und Prof. Martin Rötting. Die Antwort ist, dass Institutionen wie Kirchen, Orden, Klöster, Universitäten, Meditationshäuser wichtig sind, damit Spiritualität – auch in ihrer Vielfältigkeit – gepflegt und vertieft werden kann. Insbesondere können sie suchenden Menschen Orientierungshilfen bieten. Zukünftige Spiritualität, so das Fazit, wird vielfältig sein. Menschen werden sich multireligiös orientieren. Religiöse Institutionen können dabei ihre kollektiven Erfahrungen im Dienste einer authentischen, die individuelle Erfahrung des Einzelnen wertschätzenden, aber auch auf die Weltprobleme bezogenen und gemeinschaftlichen, politisch wirksamen Spiritualität einbringen.

Christian Hackbarth-Johnson (Dachau, Salzburg)
Ev. Theologe, Lehrer für Yoga und Zen

 

Angebote mit Christian Hackbarth-Johnson im Lassalle-Haus:

Spiritualität - Was ist das?
Entrückt oder verrückt - der Unterschied

17. - 21.6.2019
Kursleitung: Michael von Brück, Christian Hackbarth-Johnson


Spiritualität - Was ist das?
Wandel unseres zerstörenden Lebensstils - Wie geht das?

15. - 19.9.2019
Kursleitung: Michael von Brück, Christian Hackbarth-Johnson

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