25.03.2014 12:07
von

Interview mit Pierre Stutz über seinen Vortrag "Wie schön bist du, Liebe voll Lust..."

"Der Urwunsch, liebend unterwegs zu sein"

Pierre Stutz, katholischer Theologe, spiritueller Begleiter und Buchautor, hält am 24. April im Lassalle-Haus einen Vortrag für Männer und Frauen zum Thema „Liebe, Erotik und Sexualität als spirituelle Quellen“. Ein provokativer Titel? Wir fragen ihn direkt.

Pierre Stutz, Spiritualität wird gemeinhin mit Askese oder zumindest mit einem zölibatären Lebensstil assoziiert. Warum möchten Sie an diesem Weltbild rütteln?
Der Ursprung des Wortes Spiritualität stammt vom lateinischen Wort „spirare“, was atmen bedeutet. Somit ist es sonnenklar, dass alle Menschen ein Leben lang eingeladen sind, in ihren Atem, ihrer Leib-Geist-Seele-Einheit den heilenden Atem Gottes zu erahnen, der uns bestärkt sinnlich-leidenschaftlich-gelassene Menschen zu werden. Es bedeutet für mich mitten im Alltag, in all meinen Lebensvollzügen, den Zugang zu meiner inneren Quelle zu entdecken, die auch in meiner sexuellen Kraft fliesst.

Sie plädieren dafür, dass das Religiöse und das Geschlechtliche unsere stärksten Lebenskräfte sind: was verbindet diese denn?
Im Religiösen und im Geschlechtlichen begegnen wir unserem Urwunsch, liebend unterwegs zu sein, angenommen und angesehen zu werden und lieben zu können, um bis an den Rand unserer Sehnsucht zu gehen, wie es Rainer Maria Rilke ausdrückt. Nackt sein dürfen, nichts mehr überspielen zu müssen, um über uns selbst hinauswachsen zu können, heisst unsere Ursehnsucht. In der Erfahrung der Ekstase, d.h. Erfahrungen, in denen wir voll da sind und ganz weg, zeigt sich das Verbindende: in intensiven Meditationserfahrungen und im zärtlich-wilden Gestalten der Sexualität wird spürbar, dass es zu unserem Lebensauftrag gehört, Erde und Himmel, Eros und Religion zu verbinden.

Eigentlich leben wir in einer übersexualisierten Welt, doch über geschlechtliche Erfahrungen wird kaum aus dem spirituellen Blickpunkt gesprochen – warum?
Da gibt es vielfältige Gründe, z.B. dass wir noch sehr dualistisch (= trennend) denken, fühlen und handeln oder weil Sexualität verteufelt wurde, wie es Friedrich Nietzsche (1844-1900) treffend auf den Punkt gebracht hat: „Das Christentum gab Eros Gift zu trinken – er starb zwar nicht daran, aber entartete zum Laster.“ Diese Abspaltung findet sich auch in anderen Religionen und sie hat dazu geführt, das Thema zu tabuisieren. Zum Glück ist dank der sexuellen Befreiung viel Heilendes geschehen, doch es fehlen uns immer noch Worte, um Erotik und Sexualität als Geschenk des Himmels feiern zu können.

Welche Altersgruppe fühlt sich eher angesprochen, Liebe und Lust als spirituelle Quellen zu verstehen?
Dieses existenzielle Lebensthema geht alle zutiefst an, ob ich als Single oder partnerschaftlich unterwegs bin. Eros ist eine göttliche Kraft, die uns in Verbindung bringt mit unserem inneren Feuer, dem feu sacré. Der Impuls zu meinem Buch, der schon lange  in mir war, fand eine grosse Resonanz an den Evangelischen Kirchentagen in Köln (2007), Bremen (2009), Dresden (2011) und Hamburg (2013), wo viele Hunderte (ab 20 Jahren bis open-end!) mich bestärkten, erotische Meditationen zu schreiben. Erfreulich ist auch, dass an meinen Vorträgen der Männeranteil grösser geworden ist – Christoph Walser und ich gestalten am Weekend nach dem Vortrag, vom 25.-27. April 2014 im Lassalle-Haus ein Männerweekend zum Thema „Sex als Segen“.

Das Hohelied, aus dem der Titel Ihres Vortrages stammt, wird hauptsächlich an Hochzeiten vorgetragen oder gelesen: lohnt es sich, dieses Buch auch sonst auf der Suche nach sinnlich-lustvollen Texten in die Hand zu nehmen?
Unbedingt! In diesem kleinen biblischen Juwel können wir die Begegnungen eines jungen Liebespaares entdecken, die von ihrem erotischen Prickeln erzählen, von ihrem Angezogensein und von der gesunden Spannung von Nähe und Distanz, von Aufgehobensein und Verlorenheit. Weil jedoch die alten orientalischen Bilder uns doch sehr fremd erscheinen können, ist es wichtig auch diese Worte zu aktualisieren, hinzuweben in unseren Erfahrungsraum, wie ich es in meinem Plädoyer für eine Kultur der Zärtlichkeit tue.

Vortrag von Pierre Stutz: „Wie schön bist du, Liebe voll Lust…“

Datum: 24. April, Do 20:00-22:00
Informationen und Anmeldung


Sex als Segen - Männerkurs

Kursleiter: Christoph Walser, Pierre Stutz
Kurs/Datum: M4 / 25.-27. April, Fr. 18:30-So13:00
Informationen und Anmeldung

Zurück