01.03.2018 13:47
von Samuel Hug

Es gibt verschiedene Motive, Zazen zu praktizieren

Zen – weil wir Menschen sind

Ein Beitrag von Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister

Zwischen Erleuchtung und Ernüchterung: Wer Zen praktiziert, durchlebt Höhen und Tiefen, Freuden und Leiden. So jedenfalls erlebe ich es auch nach 40 Jahren Zen-Praxis.

Zen ist ebenso reizvoll wie ärgerlich, lohnend wie frustrierend, vernünftig wie schwer zu verstehen. Wer es schon einmal mit der Praxis des Zen versucht hat, kann dies bestätigen. Wir werden angezogen von der klaren, fordernden Übung und schrecken doch wieder vor ihr zurück; wir glauben zu verstehen, was mit «Sitzen in Stille» gemeint ist, und doch rückt das, was uns so nahe und vertraut scheint, unversehens in die Ferne und wird uns umso fremder, je mehr wir uns ihm zuwenden und uns mit ihm befassen.

Für mich bleiben die Wochen und Monate, die ich als Zen-Praktizierender in der japanischen Tempelstadt Kamakura verbracht habe, gleichsam ins Fleisch geschrieben. Dort habe ich gefroren und geschwitzt, habe mich gefreut, und bin zu Zeiten beinahe verzweifelt. Manchen Tod bin ich gestorben und habe selten so intensiv gelebt wie in Kamakura. Nach jeder intensiven Übungswoche spürte ich eine eigentümliche Leichtigkeit, wie nach einer Bergtour, und doch anders. War porös, durchlässig. Die Haut schloss nicht ab, machte nicht dicht. Ich fühlte mich erfrischt, gestärkt und lebendig wie selten sonst.

Zen ist eine entscheidende Hilfe in der Schule der Präsenz. Es ist auch eine Schule, in der wir lernen, innerlich Distanz zu nehmen und Humor zu haben. Zen ist nämlich nichts Exotisches, sondern eine schlichte Übung im Stille-Sitzen. Zen macht es uns möglich, alles Konkrete, Alltägliche, das Mess- und Greifbare und also auch die Uhr und die von ihr gemessene Zeit ernst zu nehmen und zugleich an jenem «Ort» verwurzelt zu sein, wo es kein Kommen und Gehen, kein Vorher und Nachher gibt und also vollkommene Freiheit und damit auch Zeitfreiheit waltet.

Um es kurz und zusammenfassend zu sagen:
Zen ist eine Meditationsweise, die von der Zerstreuung zur Sammlung, von aussen nach innen, von der Oberfläche in die Tiefe führt; deshalb heisst sie auch Tiefenmeditation. 

Zen ist eine Meditationsweise, die ohne «Worte und Begriffe» auskommt und die – mit offenen Augen – auf keine bestimmten Gegenstände achtet; deshalb heisst sie auch übergegenständliche Meditation.

Zen ist eine Meditationsweise, die in der Stille und im Sitzen vollzogen wird; deshalb heisst sie auch Schweige- und Sitzmeditation, Zazen. 

Es gibt verschiedene Motive, Zen zu praktizieren. Im Wesentlichen können wir folgende Motive unterscheiden, wobei die Grenzen fliessend sind.

Zen aus Neugierde: Bei Anfängerinnen und Anfängern ist Neugierde nicht selten das Motiv. Vom Unbekannten fasziniert versuchen sie das «Sitzen im Schweigen» – und lassen es dann wieder sein.

Zen zum Abbau von Stress: Andere halten an der Zen-Übung fest, auch dann noch, wenn das Neuheitserlebnis vorbei und die Neugierde gestillt ist. Diese Menschen haben gemerkt, dass das aufrechte und ruhige Sitzen sowie das sorgfältige Achten auf den Atem mit der Zeit zu einer tiefen leib-geistigen Entspannung führt und die Nerven stärkt. Hier könnte man von einem Zen für Gestresste sprechen, für die das tägliche Sitzen zur guten Gewohnheit wird. Zu dieser Gruppe gehören wohl auch jene, die Zen praktizieren, um ihre schöpferischen Fähigkeiten zu erhalten und zu fördern.

Zen als Sinnsuche: Nicht wenige Menschen machen mit grossem Ernst Zazen und nehmen oft an mehreren Übungswochen im Jahr teil. Ihre Motive können sie vielfach nicht klar benennen. Sie ahnen aber, dass es zwischen Himmel und Erde noch etwas anderes gibt als das, was ihr Verstand zu fassen vermag. Es ist die «Sehnsucht nach einer Sehnsucht», die Suche nach dem Sinn des Lebens, die diese Menschen zum Ausharren motiviert.

Zen als Weg der Erleuchtung: Schliesslich gibt es Menschen, die entschlossen sind, alles was in ihren Kräften liegt, zu tun, um die Erleuchtungserfahrung zu machen: die Erfahrung des ursprünglichen wahren Wesens und damit die Erfahrung des Einsseins mit allen und allem.

Zen und andere spirituelle Wege, die diesen Namen verdienen, sind nicht Selbstzweck. Sie führen nach innen und nach aussen, zu sich und zur Welt, ins Private und Gesellschaftliche. Es ist wie beim Atem. Wer nur einatmet, erstickt; wer nur ausatmet, kommt ausser Atem und verliert sich im Betrieb. Zen – weil wir Menschen sind.

Niklaus Brantschen, Jesuit und Zen-Meister

 

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