12.02.2019 13:38
von Samuel Hug

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Eckhard Frick SJ

«Wenn wir nicht an das System denken und die Institution mitdenken, greifen Spiritual Care-Ausbildungen zu kurz.»

Im Gespräch mit Prof. Dr. med. Eckhard Frick SJ

Welche Themen von Spiritual Care haben mit Blick zurück an Bedeutung gewonnen, welche sind in den Hintergrund getreten? Haben sich aus den Erfahrungen im klinischen Umfeld neue Schwerpunkte entwickelt?

Die wichtigste Entwicklung ist die Verschiebung des Fokus vom Individuum hin zur Institution. Es hat mich nachhaltig geprägt und auch nachdenklich gemacht, dass wir teilweise mit der Schulung von Individuen, die ja auch in der ignatianischen Tradition etwas sehr Wichtiges ist, einzelnen Menschen auf ihrem Weg helfen. Wenn wir aber nicht an das System denken, das heisst, die Institution mitdenken, greift das zu kurz oder kann die Situation der Einzelnen vorübergehend sogar noch schwerer machen. Und das bedeutet, dass Inhalte jeweils daraufhin geprüft und übersetzt werden müssen, ob sie auch in eine Organisation, in ein Management, in einen Kontext passen – sprachlich, von den Zielen her und von der Umsetzbarkeit her. Das scheint mir der wichtigste Gesichtspunkt zu sein. Dazu gehört auch die soziale Dimension, die für das Lassalle Haus sehr wichtig ist. Auch darin liegt auch eine Verschiebung der Prioritäten hin zu Formaten, die nachhaltig und gut implementiert sind.

Ein weiterer Punkt ist das Sorgen für die Sorgenden. Spiritual Care wurde ursprünglich in Analogie zu einer Behandlung gesehen, zu einer Unterstützung, die kranken Menschen zugutekommt. Heute sehen wir, dass die Sorge für die Sorgenden ebenso wichtig ist. Das ist ein Umdenken, denn in den Gesundheitsberufen sind eigentlich alle auf die Frage ausgerichtet, wie machen wir unsere Patienten gesünder. Gesundheit ist gewissermassen das Produkt, das hergestellt wird. Diese Auffassung von Care hat sich verschoben in Richtung Formung von Persönlichkeit, die breiter wird für die Selbstsorge, was auch ein Bildungsprozess ist.

Spiritualität gehört ebenso zur Personalentwicklung, zur Bindung an eine Organisation und zur beruflichen Biografie. Ein Beispiel dazu: Jemand hat in jungen Jahren im Zusammenhang mit der Berufswahl, die vielleicht gar nicht spirituell tönen muss, zu Beginn hohe Ideale und dann kommt es zu einem gewissen Praxisschock, zu einer Ent-Idealisierung oder sogar zu einer inneren Kündigung. In solchen Krisenzeiten kommt es sehr darauf an, nach dem spirituellen Fundament zu schauen. Gerade in der Pflege beobachten wir die Flucht aus dem Beruf. Dass Menschen diesen Beruf vollkommen verlassen, hängt auch damit zusammen, dass wir sehr oder relativ viele Gedanken und Prioritäten auf die Ausbildung setzen und dann alles verbessern wollen durch Fort- und Weiterbildungen. Das lebenslange Lernen als ein Prozess, der besonders im spirituellen Bereich ein Wachstum bedeutet, das je nach Lebensphase neu erfunden werden muss, wird dabei kaum gesehen.

 

Welche Aufgabe hat die Theologie bei der Entwicklung von Spiritual Care?

Eine wichtige Aufgabe der Theologie besteht darin, ihre Schnittstellen für Gesundheitsberufe weiterzuentwickeln. Auch wenn diese in klassischen Modellen wie der Pastoralpsychologie oder der Pastoralmedizin teilweise schon angelegt sind, reichen sie für die vielfältigen Fragestellungen von Spiritual Care nicht aus.

Neue Formen von Schnittmengen gehen zum Beispiel über die Rollen und die Frage nach dem Verhältnis von Professionalität und Ehrenamt. In diesen Bereichen sortieren sich die Themen aktuell neu. Am letzten Kongress der Internationalen Gesellschaft für Gesundheit und Spiritualität (www.iggs-online.org) hatten wir die Philosophie als Ausgangspunkt genommen und nicht die Theologie, obwohl viele im Feld Spiritual Care theologisch bewandert sind. Aber ich meine, dass die Theologie zu voraussetzungsreich ist. Ich möchte jetzt aber auch nicht die Theologie durch die Religionswissenschaften ersetzen. Vielleicht sind es eher Theologien im Plural resp. verschiedene Religionen.

Denkt man an die christliche Theologie, ist die Ausrichtung auf eine grosse Pluralität von spirituellen Suchbewegungen in unserer Gesellschaft ein wichtiges Thema. Es müsste eine Theologie sein, die sich selber aktiv um die Schnittstellen bemüht. Von der Medizin und den Pflege- und Gesundheitswissenschaften aus wird es nicht nur die Theologie sein als Gesprächspartner, sondern auch die Anthropologie, die Sozialwissenschaften und alles, was mit transkulturellen Kompetenzen zusammenhängt.

Dazu gehört auch das Thema neuer Berufsdefinitionen. Die Seelsorgeberufe sind in einem Identitätsprozess begriffen und Identität heisst ja auch Gefahr eines identitären Rückzugs, aus der Angst heraus, dass andere Gesundheitsberufe den Seelsorgenden „die Butter vom Brot“ nehmen. Doch darum geht es genau nicht. Es geht darum, die Seelsorge so weiterzuentwickeln, dass sie team- und anschlussfähig wird und alle – theologisch gesprochen im Sinne des gemeinsamen Priestertums – befähigt, Seelsorgende zu sein. Und umgekehrt geht es darum, dass alle Berufe ihre spirituelle Dimension entwickeln und einbringen. Palliative Care ist dafür modellhaft: Diese hat gezeigt, dass es möglich ist, in einem Team zusammenzuarbeiten und bestimmte Aufgaben gemeinsam wahrzunehmen und zu teilen, ohne dabei ängstlich auf die Rollenidentität zu achten. Je nach Berufstradition kommen dann andere Schwerpunkte dazu, wobei es nicht um das Ansammeln von Wissen geht, sondern um eine gemeinsame Entwicklung, die aus dem Kern der jeweiligen beruflichen Identität herauskommt. Und da hat man ein sprachliches Problem. Letztlich sind es persönliche Wachstumsprozesse, die aber auch der Professionalität und der Entwicklung eines Berufsbildes zugutekommen.

 

Spiritual Care umfasst Basis-Kompetenzen und erweiterte Kompetenzen. Warum ist es wichtig, dass alle Gesundheitsberufe über eine Basis-Kompetenz in Spiritual Care verfügen und worin bestehen diese?

Ich sage gerne, die Basiskompetenz ist die grüne Ampel. Das heisst, dass ich das Signal aussende – innerhalb des Teams, mit anderen zusammen und an die Patienten und Patientinnen – die spirituelle Suche darf Worte finden und ihren Ausdruck haben. Sie gehört zum Leben. Diese Signalsetzung, bevor Informationen gesammelt und Behandlungspläne aufgeschrieben werden, hat etwas Einladendes, spannt einen Rahmen auf und eröffnet einen Raum. An diesem Punkt muss ich mir noch keine Sorgen machen, was ich jetzt tun muss, ob ich mich ausdrücken kann und ob ich diese oder jene Ritualkompetenz oder das Wissen über irgendetwas habe. Es ist das Öffnen eines Raumes, eines Feldes. Basiskompetenz bedeutet, den Boden frei räumen und bereiten, damit da etwas sein kann. Ich erinnere mich an eine Hausärztin aus einem unserer Kurse zu spiritueller Anamnese. Sie erzählte von einem Gespräch, in dem sie dem Patienten sagte, es wären ja nun alle Untersuchungen gemacht, alles sei in Ordnung, „der Behandlungsplan liegt fest und in ein paar Monaten kommen Sie wieder“. Sie wollte das Gespräch eben beenden, die Krankenakte schliessen, sich verabschieden und hat dann an unseren Kurs gedacht und zum Patienten gesagt: „Aber so richtig gut geht es Ihnen nicht.“ Dieser kleine Satz hat eine heftige Emotion beim Patienten ausgelöst, und er konnte Tränen vergiessen, weil er sich verstanden fühlte. Eine andere Hausärztin sagte zu einer Patientin: „Wir kennen uns jetzt schon seit 15 Jahre, aber ich weiss gar nicht, woraus Sie Kraft schöpfen, und wie das für Sie im Bereich des Spirituellen ist. Beide Praxis-Situationen sind Beispiele für die grüne Ampel. Also das Anknüpfen an das Bekannte und gleichzeitig das Öffnen eines neuen Raumes, innerhalb dessen etwas angesprochen oder besprochen werden kann, von dem beide gar nicht wissen, ob sie die gemeinsamen Worte dafür haben. Die grüne Ampel, das ist die wichtigste Basis-Kompetenz.

 

Worin bestehen die künftigen Entwicklungen im Bereich Medizin und Spiritualität und welcher Bildungsbedarf leitet sich daraus ab?

Ohne gegenüber der Palliativmedizin zu kritisch zu sein, besteht mancherorts das Missverständnis, Spiritualität würde erst im Sterbeprozess an Bedeutung gewinnen. Deshalb braucht es eine Öffnung des Spirituellen auf das ganze Leben hin und entlang des ganzen Lebensbogens. Insofern benötigen wir mehrere Stellen im Bereich der Medizin und allgemein in den Gesundheitsberufen, wo Spiritualität präsent wird im Sinne von Sinnsuche, Öffnung für Transzendenz und anderen Beschreibungen von Spiritualität.

Wir haben Studien gemacht über spirituelle Bedürfnisse von kranken Menschen in der Notfallmedizin, in der Onkologie und in der hausärztlichen Praxis. Wir wollen verschiedene Felder beobachten, erfassen und diese Erkenntnisse in die Ausbildung einbringen. Bildungsbedarf heisst, sowohl die Sprachfähigkeit wie auch das Wachstum der Persönlichkeit in diesen Feldern zu fördern. Bei vielen Medizin-Studierenden fehlt es an Vokabular und an Grundlagen in spirituellen, existentiellen und auch allgemein an geisteswissenschaftlich-kulturwissenschaftlichen Fragen. Hier braucht es, bei all dem, was nebst naturwissenschaftlichen Facts gelernt wird, eine Erweiterung. Wir müssen den Bogen weiter spannen auf das grosse Bild im Gesundheitswesen. Die Spiritualität darf dabei aber kein Feigenblatt werden, kein Alibi für Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen, die aus einer einseitigen Betonung von Ökonomie oder Technologie hervorgegangen sind. Es ist wichtig, mit einem gewissen wissenschaftlichen Anspruch an dieses Feld heranzugehen und auch zu bedenken, dass wir es nicht zu einem Gefühl- und Wellenschlag werden lassen. Deshalb braucht es den Dialog und den grossen Blick auf das Gesundheitswesen, um zu verstehen, wie wir das Spirituelle einbringen können.

Das Spirituelle ist wie eine Unterstützung, in dem, was die Gesundheitsberufe ohnehin tun. In allem ist es gegenwärtig. Das ist kein ganz neuer Gedanke. Schon Franz von Salis hatte immer eine sehr weltliche Spiritualität vertreten. Nicht nur Mönche und Nonnen in kontemplativen Klöstern sind spirituell, sondern auch die Arbeiter, die Ingenieure, die Politiker u.s.w. Und so braucht es Spiritualität nicht in einem anderen Gesundheitswesen, sondern in dem, was wir haben. Es wird sich dadurch, wie wir hoffen, wandeln. Aber wir dürfen nicht eine Insel der Seligen herstellen, weil wir dadurch die Frustration möglicherweise vergrössern. Deshalb lautet die zentrale Frage: wie kommt das Spirituelle in einem Hightech-Spital, zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung in den Alltag hinein, und wie gelingt ein möglichst guter Praxistransfer in der Sprache, die dort üblich ist.

Das Gespräch führte Dorothee Bürgi, PhD

 

Lehrgang Spiritual Care
Medizin und Spiritualität in Gesundheitsberufen
Oktober 2019 - September 2020
Details und Informationsanlässe

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