16.05.2019 10:26
von Sabrina Durante

Interview mit Spiritual Care-Absolventin Cornelia Bühlmann

Mensch ist nicht gleich Mensch - Seele ist nicht gleich Seele

Cornelia Bühlmann hat diesen Frühling den Lehrgang «Spiritual Care» abgeschlossen und erläutert im Interview, was diese Weiterbildung alles ausgelöst hat.

Sie sind Sozialpädagogin und arbeiten in einer Institution für Menschen mit Behinderung: In welchen Bereichen Ihrer Arbeit ist Spiritualität ein Thema?

In unserer Institution findet zwei Mal jährlich ein Gottesdienst statt. Dieser Gottesdienst ist in erster Linie für die Bewohnerinnen und Bewohner gedacht, welche unsere Tagesstätte besuchen und nicht selbständig in die Kirche gehen können.
Mir ist aufgefallen, dass die Besucher des Gottesdienstes jeweils sehr berührt sind, von den Worten des Pfarrers, dem Abendmahl, den Liedern und von der gesamten speziellen Atmosphäre des Anlasses.
Weiter erfahre ich in Gesprächen mit unseren Bewohnern auch immer wieder, was sie bewegt: so fragte mich vor einiger Zeit ein Mann «Wo bin ich, wenn ich tot bin»?  «Wird mich Maria in den Armen wiegen?»

Das Berührtsein unserer Gottesdienstbesucher sowie das Interesse einzelner Bewohner zu Fragestellungen in Bezug auf das Leben, das Sterben und die Endlichkeit, haben meinen Wunsch bestärkt, in unserer Institution «Spiritualität» vermehrt zu thematisieren. In unserem Organisationshandbuch, welches vieles regelt, findet man das Wort Spiritualität als solches (noch) nicht. Vor dem Besuch meines Lehrganges war ich überzeugt, dass wir als Institution im Bereich Spiritualität noch einen grossen Nachholbedarf haben.

 

Das heisst, Sie haben während des Lehrgangs ein neues Verständnis für Spiritualität bekommen?

Ja, genau. Am Anfang war für mich Spiritualität gleichbedeutend mit grossen, überwältigenden Erfahrungen. Dann habe ich bemerkt, dass Spiritualität vor allem in der Stille oder im Betrachten und Staunen in der Natur erlebt werden kann, im Hören eines Musikstückes oder eines Textes. Und diese Erfahrungen werden unseren Bewohnern geboten. Wir haben einen wunderschönen Park mit verschiedenen Blumen und Bäumen, der einlädt zum Innehalten, zum einfach da sein, zum Riechen und Betrachten. Dass wir diesen Park bauen durften, ist ein grosses Geschenk. Viele unserer Bewohner und Tagesstätte-Besucher finden hier Raum und Ruhe.
Weiter versuchen die Betreuenden im Alltag die Wünsche unserer Bewohnerinnen und Bewohner nach einem gemeinsamen Gebet, einem Gutnachtlied oder nach einem Kirchenbesuch so gut wie möglich zu erfüllen.

 

Wo lässt sich das Gelernte aus dem Lehrgang in Ihrem Arbeitsalltag umsetzen?

Mein Wunsch ist es, dass wir uns als Institution noch bewusster mit dem Thema Spiritualität auseinandersetzen und die individuellen Bedürfnisse unserer Bewohner konkreter abfragen. W.R., ein Mann mit Down-Syndrom, der gerne philosophiert, hat vor einiger Zeit den Satz «Mensch ist nicht gleich Mensch, Seele nicht gleich Seele» geschrieben. Diese Aussage hat mich sehr berührt und trifft den Punkt. Ich möchte den verschiedenen Menschen / Seelen, welche bei uns leben, die spirituelle Nahrung anbieten können, welche es ihnen ermöglicht, ihre Spiritualität bestmöglich zu leben… und diese ist eben wie W.R. schreibt unterschiedlich und individuell.

Ich werde für unsere Institution einen Vorschlag erarbeiten, wie Spiritualität im Alltag vertiefter gelebt werden kann. Ich habe vor, mit der Behindertenseelsorge in Kontakt zu treten, um abzuklären, ob wir allenfalls Angebote von ihrer Seite aufnehmen und unserem Klientel anbieten können. Weiter möchte ich mit anderen Institutionen Verbindung aufnehmen, um zu erfahren, wie bei ihnen das Thema gelebt wird. Während des Lehrgangs ist mir weiter bewusst geworden, wie wichtig die Stille ist. Schön wäre es, wenn wir unseren Bewohner einen Ort der Besinnung anbieten könnten. 2020/2021 werden wir unser Wohn-, Tagesstätte- und Parkangebot erweitern. Vielleicht bietet sich dann die Möglichkeit, im Park einen kleinen Pavillon dafür zu errichten.

 

Stossen sie in Ihrer Institution auch an Grenzen?

Das Personal ist im Alltag immer wieder mit herausfordernden Situationen konfrontiert und arbeitet zudem in verschiedenen Projektgruppen mit. So hält sich die Begeisterung manchmal in Grenzen, wenn ein neues Thema zur Sprache kommt. Ich hoffe jedoch, dass es mir gelingt, der Funke, welcher bei meinem Besuch des Lehrgangs «Spiritual Care» entfacht worden ist, auf meine Arbeitskollegen überspringen zu lassen.

Cornelia Bühlmann ist Sozialpädagogin und Leiterin der Fachstelle Sozial- und Lebensberatung bei der Stiftung Pigna. «Pigna» bietet in verschiedenen Wohnformen 110 Wohn- und 55 Tagesstättenplätze sowie in zwei Werkstätten und dem Dienstleistungsbetrieb insgesamt 170 geschützte Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung an.

Zurück