25.03.2019 14:24
von Sabrina Durante

«Es war von Anfang an eine grosse Anziehungskraft da»

Fabian Retschke hat im Rahmen seines Noviziats bei den Jesuiten zwei Monate im Lassalle-Haus verbracht. Wir befragten den 26-jährigen zu seinen Erfahrungen im Haus und zu seiner Entscheidung, dem Orden beizutreten.

Was hat dich zu den Jesuiten geführt?

Im Laufe meines Theologiestudiums in Freiburg im Breisgau, wo ich auch das Priesterseminar besucht habe, ging ich von 2014 bis 2015 nach Frankfurt am Main an die Hochschule der Jesuiten, St. Georgen. Dort hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit diesem Orden und lernte die Exerzitien kennen. Die Spiritualität der Jesuiten hat mich begeistert, es war eine grosse Anziehungskraft da – so fragte ich mich, ob ich vielleicht lieber zum Jesuitenorden gehe, anstatt Priester in einer Diözese zu werden. Ich habe mich dabei gut begleiten lassen und 2017 entschieden, ins Noviziat einzutreten.

Was fasziniert dich an der ignatianischen Spiritualität?

Die Exerzitien: Mit so einem einfachen Rezept von Stille, Gebet, Meditation hat sich mir ein neuer Zugang zu den Bildern der Bibel erschlossen. In eine Szene der Bibel einzusteigen und diese auf mein Leben zu übertragen, ist für mich unglaublich bereichernd.

Gibt es ein Bild in der Bibel, das in den Exerzitien entstanden ist und dich besonders prägt?

Es gibt eine ganze Reihe von Bildern, die vor allem während der 30-tägigen Exerzitien aufgetaucht sind und sich mir eingeprägt haben. Wenn ich von einer fundamentalen Erfahrung ausgehe, ist es sicherlich das Bild des barmherzigen Vaters aus dem Gleichnis vom „verlorenen Sohn“. Für mich ein sehr starkes, sehr tröstliches Bild, wie der Vater dem Sohn entgegenkommt, ihn in die Arme nimmt, und der Sohn weiss gar nicht, wie ihm da geschieht. An einen Gott zu glauben, der nichts hinterfragen will, der eine nicht enden wollende Sehnsucht nach den Menschen hat – das gibt mir Kraft.

Was beeindruckt dich am Jesuitenorden?

Das Besondere ist, dass es im Orden keine zwei gleichen Jesuiten gibt. Alle teilen zwar diese ignatianische Spiritualität miteinander, die Erfahrung von Exerzitien: es gibt eine gemeinsame Basis, ein starkes Fundament, und trotzdem besteht der Orden aus ganz unterschiedlichen Charakteren. Hier herrscht keine Gleichmacherei – das ist sehr ermutigend. Der Orden will Persönlichkeiten bilden, die dann voller Kraft für die Menschen da sein können. Es gibt sehr viele Jesuiten, die eine hohe intellektuelle Leistung mit einer tiefen Spiritualität verbinden: Vernunft und Glaube sind kein Widerspruch, sondern sie durchdringen sich gegenseitig. Und viele Jesuiten haben die Sorge um andere Menschen in das Zentrum ihres Lebens gestellt: In der Seelsorge, in der geistlichen Begleitung, in der Exerzitien-Begleitung zeigen sie sehr viel Mitgefühl, eine grosse Freundlichkeit und Herzlichkeit.
Wenn ich zurückschaue, wieviel Herzlichkeit ich bei Jesuiten bereits erfahren durfte, bin ich ganz gerührt.

Du hast zwei Monate im Lassalle-Haus verbracht: was waren deine Aufgaben, und was nimmst du von diesem Aufenthalt mit?

Das Ziel meines Praktikums – im Noviziat nennt sich das ein «Experiment» – war, das Lassalle-Haus kennen zu lernen mit den verschiedenen Projekten, Programmen und Kursangeboten. Dazu gehört auch die Profilierung mit den zwei östlichen Wegen wie Zen und Yoga, den christlichen Wegen von Exerzitien und Kontemplation sowie das ganze Bildungsangebot. Nicht zuletzt sollte ich die Menschen kennenlernen, die hier wirken und die hier zu Gast sind. Meine Aufgaben waren durchaus praktischer Natur: ich habe in der Küche mitgearbeitet, in einzelnen Kursen assistiert, etwa Impulse gegeben und drei Teilnehmende bei den Kurzexerzitien begleitet.  Ausserdem konnte ich an einigen Kursen teilnehmen, wie der Hebräischwoche, und zuletzt an einem Zen-Einführungskurs.

Welches sind die Bereiche, die du in Zukunft vertiefen möchtest? Siehst du schon einen Weg für dich im Orden?

Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich noch keine abschliessende Antwort habe. Ich interessiere mich nach wie vor für eine Bandbreite von Dingen. Wie es genau weitergeht, werde ich gemeinsam mit dem Oberen der Provinz herausfinden, er entscheidet letztlich. Ich interessiere mich für die Förderung der Gerechtigkeit aus dem Glauben heraus, also für sozialethische und wirtschaftsethische Fragen – das ist auch ein grosses Anliegen des Ordens. Theologie habe ich mit Leidenschaft studiert, es ist ein unglaublich spannendes Feld, und ich würde gerne auch Zeit haben, dieses Gebiet zu vertiefen. Die ignatianische Spiritualität, die Begleitung und Seelsorge haben mich von Anfang an am Orden fasziniert. Ich kann mir gut vorstellen, mich in allen drei Bereichen zu vertiefen und weitere Ausbildungen zu absolvieren.

Du bist ein junger Mann und hast dich für ein Ordensleben entschieden: Wie reagieren deine Freunde und Bekannte auf diese Entscheidung?

Die Reaktionen waren unterschiedlich. Ich spiele nun schon seit einigen Jahren mit dem Gedanken, Priester zu werden – da die meisten Menschen wissen, dass Priester-Werden in der katholischen Kirche etwas mit Zölibat zu tun hat, gibt es gewöhnlich erst mal einen grossen Schreck. Da spüre ich einige Skepsis und Zurückhaltung: Auf helle Begeisterung bin ich bisher selten gestossen. Diese Reaktionen treffen mich auch persönlich. Viele Menschen wissen gar nicht, welcher Gewinn in einer solchen Lebensweise liegt. Ich versuche ihnen mit Verständnis entgegenzutreten. Jesuiten sind heute nicht mehr jedem Menschen bekannt, da muss ich viel erklären: warum wir keine Klöster haben, warum wir keine Mönche sind, kein besonderes Gewand tragen… Aber eigentlich erzähle ich nicht so gerne von mir, ich interessiere mich vielmehr auch für mein Gegenüber. Ich möchte nicht als Exot im Mittelpunkt stehen.

Wie geht es nun weiter?

Im März geht es für mich zurück nach Nürnberg ins Noviziat, da werden wir Novizen bis Ostern zusammen sein. Hier geht es erst mal darum, zurückzuschauen und sich auszutauschen. Im Sommer steht noch ein weiteres Experiment an, da weiss ich aber noch nicht, wo ich hingeschickt werde.

Pflegst du noch Freundschaften ausserhalb des Ordens?

Die Zeit des Noviziats ist dafür da, um sich in den Orden hineinzuleben, sich selbst zu finden. Dazu kann es gut sein, für eine Zeit in Abstand zu treten von Gewohnheiten und Beziehungen. So kann ich klarer beurteilen und entscheiden, wie ich leben möchte. Ausserdem fahren wir unseren Konsum an digitalen Medien herunter, geben das Handy ab, nutzen das Internet relativ selten, telefonieren auch nicht so häufig. So ist es nicht einfach, Freundschaften zu pflegen, und dennoch ist es wichtig. Auch im Orden bleibe ich ein Mensch und brauche Freundschaften und soziale Beziehungen.

Andererseits wächst man im Orden ja auch in eine «Familie» hinein, und es entstehen vermutlich auch viele Freundschaften.

Ignatius, Franz-Xaver und Peter Faber haben sich am Anfang auch «Freunde im Herrn» genannt. Ich staune immer wieder, wie schnell sich eine Vertrautheit und Vertraulichkeit mit den anderen Novizen einstellt. Neben den gemeinsamen Mahlzeiten und Gottesdiensten tauschen wir uns regelmässig aus, wie es uns in der Tiefe geht, was wir erleben und was uns bewegt. Das ist sehr wertvoll.

Dazu kommt die globale Vernetzung innerhalb des Ordens…

Genau: das ist einmal die Kommunität vor Ort, dann vernetzen sich die Jesuiten mit der Zeit immer mehr auch über die Grenzen hinweg. Die Gastfreundschaft unter Jesuiten wird grossgeschrieben: wenn man eine andere Kommunität besucht, wird man gleich als Mitbruder willkommen geheissen, bekommt ein Zimmer, kann sich am Kühlschrank bedienen oder (noch besser) mit den Jesuiten vor Ort essen, das ist schon etwas Besonderes.

Dein Noviziat endet im September, dann stehen die Gelübde an. Sind in diesen zwei Jahren auch Zweifel aufgekommen?

Ja, man durchlebt unterschiedliche Stimmungen und Bewegungen, und die gilt es gut wahrzunehmen, zu unterscheiden, und daraufhin die Entscheidungen zu treffen. Was ganz wesentlich für das Noviziat ist, sind die grossen Exerzitien, die haben immer auch ein «Wahl-Element», wo es um Lebensentscheidungen geht. In diesen Wochen, die man in einer ruhigen Atmosphäre, vom Gebet getragen verbringt, passiert ganz Wesentliches. Wenn es dann zu einer Entscheidung gekommen ist, heisst es zwar immer noch, aufmerksam zu schauen, aber nicht mehr fundamental daran zu rütteln. Die grossen Exerzitien sind dazu da, eine gewisse Klarheit zu schaffen. Dazu kommt das Bewusstsein, dass nicht nur ich entschieden habe, sondern ein anderer da ist, der mich zu etwas ruft, ohne mich zu zwingen. Dem will ich auch treu sein. Aus dieser Haltung heraus schaue ich, was kommt und was sich entwickelt.

Jesuit - Leben aus Leidenschaft für Gott und die Menschen

 

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