27.07.2020 13:26
von Samuel Hug

Ein Gespräch mit Niklaus Brantschen

«Es ist etwas in uns, das älter ist als alle Zeit.»

Ein paar Fragen an Niklaus Brantschen im Zeichen des Corona-Momentums

Gibt es etwas, das du aus der Corona-Zeit für dich persönlich mitnimmst, das dich geprägt hat?
Die Corona-Auszeit bot bei all den Krisen, die damit verbunden waren, auch Chancen. In dieser Zeit konnte ich bei Spaziergängen rund ums Lassalle-Haus die Natur ganz neu entdecken. Ich nahm wahr, wie die Nadeln an den Lärchenzweigen sich täglich etwas mehr nach aussen wagten, wie die Blüten der Kirschbäume ihre Pracht entfalteten, wie der Duft des Bärlauchs vom Waldrand her in meine Nase stieg. In einem Hymnus der Mystikerin und Medizinerin Hildegard von Bingen über den Heiligen Geist spricht sie von der «Grünkraft», vom immergrünen Geist. Für sie ist die Erde durch und durch grün, das heisst voll Leben. Hildegard im Originalton: «Der Geist geht aus, wird grünender Leib und bringt seine Frucht. Das ist das Leben.» Das habe ich neu erfahren.

Corona hat vieles verändert, einige reden vom «New Normal». Wie sieht dein «New Normal» aus?
Das Neue ist wie das Alte, mehr vom Gleichen. Da anknüpfen, wo man aufgehört hat und weitermachen. Das ist das eine. Andererseits stelle ich fest, bei mir und bei anderen: Eine gewisse Nachdenklichkeit. Der Schreck ist unter die Haut gegangen, sitzt in den Knochen, wirkt nach – hoffentlich nachhaltig.

Was bewegt dich persönlich?
Ich frage mich: Was kann ich in meinem hohen Alter beitragen, das Neue sichtbar werden zu lassen? Wie kann ich das Neue, Junge, Frische, Hoffnungsvolle in mir als altem Mann pflegen, so dass es ansteckend wird? Ich bin alt, unsere Gesellschaft wird immer älter. Und doch, es ist etwas in uns, dass älter ist als alle Zeit und jünger als der Tag. Und das möchte ich in meinen mir noch verbleibenden Jahren vermitteln. Das ewig Junge, das uns je neu anfangen lässt. Nicht mehr vom Gleichen oder mehr vom Gestern, sondern mehr vom Leben heute.

Viele Menschen fühlen sich in dieser unsicheren Zeit blockiert, sind ohnmächtig. Hast du einen Ratschlag für diese Leute?
Auch ein Ratschlag ist bekanntlich ein Schlag. Ich habe keinen Ratschlag für Leute, die inmitten der Bedrängnis des Lebens stehen, die bedrängt werden. Ich kann aber aus meiner Erfahrung sagen, dass trotz der Einschränkungen und Behinderungen, die wir erleben, es möglich ist, jeden Tag immer wieder «Ja» zu sagen oder es zumindest zu versuchen. Auch ich habe meine altersbedingten Beschwerden und versuche trotz dieser, jeden Tag wieder neu anzufangen und dankbar zu sein. Dankbarkeit scheint mir dabei die zentralste menschliche Tugend zu sein. Mir wurde in letzter Zeit einmal mehr der Zusammenhang von Dankbarkeit und Wohlbefinden deutlich. Zu Beginn des dritten Jahrtausends gibt es einige Untersuchungen, die nachgewiesen haben, dass Menschen, die dankbar sind, sich besser fühlen, glücklicher sind, weniger depressiv. Sie leiden weniger unter Stress und sind zufriedener mit ihren sozialen Beziehungen. Dankbare Menschen schlafen besser. Es ist also ratsam, sich am Abend zu fragen: Wofür kann ich danken? Wenn ich nichts finde, wofür ich dankbar bin, dann ist es hilfreich, sich achtsam auf den nächsten Tag einzustellen und zu fragen: Wie gehe ich durch den nächsten Tag? Mit offenen Sinnen und einem wachen Herzen, bereit, mich überraschen zu lassen – und dankbar zu sein!

Siehst du in der jetzigen Zeit eine Chance, dass die Leute wieder mehr den Weg zur eigenen Spiritualität finden?
Ja, das hoffe ich sehr. Und dafür setze ich mich ein.

 

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