16.07.2019 07:37
von Kursleiter/Kursleiterin

Ein Beitrag von Niklaus Brantschen

Von der Kunst, Ferien zu machen

Ein Beitrag von Niklaus Brantschen, welcher im Pfarrblatt Zermatt erschienen ist (Ausgabe Juli/August 2019)

Endlich Ferien! Wir haben darauf gewartet und möchten sie in vollen Zügen geniessen. Dabei sind wir immer in Gefahr, möglichst viel in die schönsten Tage des Jahres hineinzupacken. Wir bringen uns unter Druck und vergessen die bewährte Regel, dass weniger oft mehr ist. Beim Packen beginnt es. Immer wieder nehmen wir zu viele Bücher mit, die wir dann doch nicht lesen. Und Seil und Pickel für eine Hochtour, die wird dann doch nicht machen. Da kann es hilfreich sein, zu Beginn des Urlaubs sich hinzusetzen und sich zu fragen: Was brauchen mein Körper und meine Seele wirklich, und was brauchen sie nicht?

Darum meine erste Empfehlung: Entschleunigung, Reduktion von Komplexität, weniger Getue und Gerede und mehr Ruhe und Stille.  

«Die Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler.» Dieses Wort von Goethe ist mir aus dem Herzen gesprochen. Es muss nicht eine Hochtour sein. Eine Tageswanderung auf einem der Höhenwege, der Gang zur Hänge-Brücke ob Randa, ein Spaziergang der Vispa entlang tun es auch. Es führen viele Wege zur Stille, aber keiner führt an mir selbst vorbei, und keiner ist im Schnellverfahren zu haben. Die Pflege der Stille braucht Zeit – und einen ruhigen, langen Atem.

Darum meine zweite Empfehlung: Tun Sie in den Ferien einmal etwas Verrücktes – nämlich nichts. Gehen Sie ruhig spazieren, setzen Sie sich hin und atmen Sie. Atmen Sie ein, atmen Sie aus, atmen Sie auf! Noch besser: Lassen Sie sich atmen. Und Sie erfahren, wie sehr Sie zur Ruhe kommen, ganz still werden.

In der Stille der Ferien wird Ihnen vielleicht auch bewusst, wie sehr die Arbeit im Zentrum Ihres Lebens steht, und wie Sie alles andere darum herum arrangieren: Familie, Freunde, Freizeit. Alles dreht sich um die Arbeit. Sie ist alles. Der Rest kann warten. Doch glücklicherweise ist der Mensch nicht nur ein Macher, ein Homo Faber wie ihn Max Frisch meisterlich beschrieben hat. Er ist auch ein Homo Ludens, ein Wesen, das spielend aus der Welt des Vermessens und Berechnens in den Raum der Freiheit und des Abenteuers zu wechseln vermag.

Und dies ist meine dritte Empfehlung: Sagen Sie dem Homo Faber Adieu. Rufen Sie ihm das Wort aus Psalm 124 zu: «Das Netz ist zerrissen und wir sind frei.»

Diese Freiheit wünscht Ihnen für die Ferien – und darüber hinaus

Niklaus Brantschen

 

Bild: Jakob Thür SJ

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