09.07.2019 15:15
von Sabrina Durante

Ein Porträt

81 und immer noch Anfänger

Wir sitzen gemeinsam im Zendo des Lassalle-Haus, jeder auf einem Kissen, und atmen. Erst, wenn der Gong zum zweiten Mal erklingt, werden wir wieder miteinander sprechen. Ich werfe einen Blick in Niklaus’ Richtung. Aufrecht sitzt er da, mit verschränkten Beinen, die Hände schalenförmig ineinandergelegt. Gross und schlank ist seine Statur, regelmässig und tief seine Atemzüge, entspannt sein von Fältchen geziertes Gesicht. Ich nehme meine Meditation wieder auf und versuche, mich nur auf meinen Atem zu konzentrieren. Doch wie soll ich nicht nachdenken, wenn mir so vieles durch den Kopf geht?

Mit dieser Frage setzt sich Niklaus schon sehr lange auseinander. Der nun einundachtzigjährige Jesuit und Zen-Meister entdeckte schon mit neununddreissig, als er das erste Mal nach Japan reiste, die vielfältige Zen-Tradition für sich. Damals sei er aus Neugierde darüber, was sich am anderen Ende der Welt tut, nach Japan gereist und habe festgestellt, dass die Welt zusammenwächst. «Der Geist des Ostens steht nicht mehr vor der Tür», widerlegt er ein Wort von C.G. Jung, «sondern er hat längst unser abendländisches Haus betreten». Deshalb sei es wichtig, beide Traditionen nicht nur aus der Theorie, sondern auch aus der Erfahrung zu kennen. Aus genau diesem Grund reiste Niklaus jahrelang immer wieder in den Osten und ging dort Zen-Studien beim Zen-Meister Yamada Roshi nach. An diese Zeit, vor allem an das wochenweise Meditieren in der schwülen Sommerhitze Japans, erinnert er sich gerne zurück, denn obwohl es ihm nicht leicht fiel, gehören die gesammelten Erfahrungen zu den schönsten, die er machen durfte. «Ich habe gelernt, dass das Leben reich ist, dass alles da ist und ich nichts suchen muss.

Zum Glück

Glücklich sein heisst nicht, mit «Judihui-Stimmung» zu leben, sondern allen Schmerz und alle Enttäuschungen auf sich zu nehmen und auch darin die Schönheit des Lebens zu erfahren.» Nachdenklich schaut er aus dem Fenster, während er mir erzählt, wie die schwierigsten Zeiten, so überraschend wie dies auch klingen mag, rückblickend auch die schönsten seien. Schmerz gehöre zum Leben, aber wenn man immer, situations- und stimmungsunabhängig, versuche, die Quelle der Freude, die in einem sprudle, wahrzunehmen, könne man glücklich sein, auch ohne Glück zu haben. Wichtig dabei: Präsent sein. Und genau das erlernt man im Zen, indem man, ganz natürlich, nur sitzt, atmet und realisiert: das Leben beginnt jetzt. Man kann immer, in jedem Moment, neu beginnen, ist gewissermassen immer ein Anfänger. Dieser Anfängergeist ist tröstlich, findet Niklaus: «Indem ich mich der Leere und der Weite öffne, ist alles möglich, beginnt alles jetzt.» Deshalb findet er auch schnell eine Antwort auf die Frage, ob er etwas bereue: «Non, je ne regrette rien», singt er lachend. Dies hänge wiederum mit dem Anfängergeist des Zen zusammen, denn die Zeit, etwas neu zu machen, zu leben, sei immer jetzt. «Ach, hätte ich doch» zu denken bringt nichts. Und auch das, was krumm gelaufen sei, gehöre nun eben zu ihm. Erfahrungen prägen einen Menschen und nur durch sie kann man das Leben und die Menschen wirklich verstehen. Deshalb hat Niklaus beispielsweise sein erstes Buch über das Fasten erst geschrieben, nachdem er jahrelang Kurse dazu geleitet und Menschen auf ihren Fastenwegen begleitet hat. Dieses Buch ist nur eines von einem guten Dutzend, die er bis heute geschrieben hat. Was sie aber alle gemeinsam haben, ist, dass sie nicht «am grünen Tisch», sondern aus der Erfahrung entstanden sind. Woher er die Ideen nehme, sei ganz simpel: Natürlich aus dem Anfängergeist des Zen, der ihm ermöglicht, immer frisch auf etwas zuzugehen. Etwas Spannendes passiere schliesslich immer, und dann gehe es einfach darum, dies zu erkennen und zur Sprache zu bringen.

Die heutige Jugend

Auch spannend findet Niklaus meine Frage, wie er denn über die heutige Jugend denke. Erst nach langem Überlegen findet er eine Antwort: «Ich mag junge Menschen ausgesprochen», schmunzelt er. Doch es sei mehr als nur das, er staune auch über die Beweglichkeit und Abenteuerlust junger Menschen und über ihre Bereitschaft, sich gegen die Schnelllebigkeit, die Wegwerfmentalität und den «schrecklich schludrigen» Umgang mit den Ressourcen zu wehren. Beurteilen, ob Jugendliche heute es einfacher haben als früher, könne er nicht. «Jede Generation hat es nicht leicht, aber auch nicht nur schwer», meint er. Fehler gehören beim Erwachsenwerden nun einmal dazu, aber wenn das Umfeld stimme, sei die halbe Entwicklung quasi schon geschehen. Das Umfeld spiele auch eine Rolle, wenn Jugendliche meditieren wollen. Erst, wenn es stimmt und sie einigermassen mit sich sein können, können sie auch achtsam genug sein um wirklich auf sich hören zu können. Ein Mindestalter gibt es dafür nicht, zumindest nicht für kürzere Einheiten von Meditation. Um einen Zen-Weg zu gehen brauche es jedoch ein bestimmtes Alter, meint Niklaus. «Im Leben lernt man zuerst, zu gehen und zu sprechen und dann spricht und geht man, unternimmt etwas, macht Schulen und wenn das alles abgeschlossen ist, dann hat man erst das Bedürfnis, das Stillsitzen und das Schweigen zu erlernen.» Auch Niklaus hat einiges unternommen, bevor er sich den Zen-Studien widmete und Lehrer und schliesslich sogar Meister darin wurde. Ein «typisches» Leben führte er jedoch nie. Schon im Gymnasium, das ursprünglich eine Jesuitenschule war, kam er in Kontakt mit dem Orden und entschied sich schliesslich mit zweiundzwanzig Jahren nach langem hin- und herüberlegen «aus einer inneren Ahnung heraus» für den Beitritt. Die drei evangelischen Räte, die er seit damals befolgt – Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit – empfindet er nicht als einschränkend, sondern viel eher so, dass sie ihm eine grössere Beweglichkeit ermöglichen. «Ohne Familie und eigenen Besitz kann ich mich anders auf die Menschen einlassen und bin freier.» Sein Leben, das er in Gemeinschaft und im Interesse des Wohls der Menschheit lebt, sei also entgegen manchen Vermutungen ein sehr erfülltes.

Erfüllt bin auch ich, als Niklaus den Gong ertönen lässt und mich anlächelt. Erfüllt mit Freude, Aufregung, Fragen, Gedanken, aber vor allem mit Ruhe. Wir erheben uns von unseren Kissen, verneigen uns, schliessen die Türe des Zendo und nach einem «Gott segne dich» seinerseits verlasse ich das Lassalle-Haus, die Institution, die seine Geschichte miterzählt.

Noemi Kilchenmann, Klasse N4k, Kantonsschule Zürich Nord
Dieses Porträt ist im Rahmen eines Schulprojektes zu journalistischem Schreiben entstanden.

 

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