30.03.2020 09:55
von Samuel Hug

Getrennt und doch verbunden

Der slowenische Philosoph und bekennende Atheist Slavoj Zizek beginnt seine Reflexionen über die Corona Krise mit einem Zitat aus dem Johannes Evangelium. „Rühr mich nicht an“ mahnt Jesus Maria, als sie ihm nach seiner Auferstehung begegnet und ihn erkennt (Joh 20). Diese Distanzierung Jesu setzt er in Bezug zu einer anderen Bibelstelle, in der Jesus seine Nähe zusagt, immer dann, wenn seine Jünger einander in Liebe begegnen (Joh 15). Der Auferstandene ist nicht als leibhaftige Person erfahrbar, sondern im Band der Liebe und Solidarität zwischen den Menschen.

Mitten in der Corona-Epidemie werden auch wir ermahnt, einander nicht zu berühren und Abstand zu halten. Auch unsere Hände können die anderen nicht mehr erreichen. Aber von innen können wir uns einander nähern. Ob es der liebevolle Blick ist, das einfühlsame Wort, die innere Verbundenheit. Zwar mag uns die Distanz trennen, doch können Blick, Wort, Gedanken und Gefühle mehr ermöglichen als eine intime Berührung.

Und Zizek zitiert den Philosophen Hegel, der uns auf die Dialektischen Phänomene in unserem menschlichen Miteinander aufmerksam macht. Das sind Erfahrungen von scheinbaren Gegensätzen, die doch mit einander untrennbar verbunden sind: „Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen. Wir sehen nur uns in ihm und dann ist er doch wieder nicht wir - ein Rätsel, ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen“. Grosse Nähe und doch Distanz als Elemente der einen Erfahrung.

Gerade habe ich mit meiner Schwester im Elsass und meinen Eltern in Heidelberg telefoniert. Das geplante Familientreffen mussten wir absagen, sind doch die Grenzen geschlossen. Und doch war in den Gesprächen eine Nähe erfahrbar, eine Fürsorge, eine Verbundenheit, wie ich sie in den Telefonaten davor nicht in Erinnerung hatte. Dann setzte ich mich wieder an den Schreibtisch, um mit den Ostergrüssen zu beginnen. Handschriftlich. Und mit jedem Namen, den die Tinte aufs Papier bringt, wird das Gesicht der Adressaten lebendig und ich spüre ihre Nähe.

Tobias Karcher SJ

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